19.05.2017, Trenino Verde, im wahrsten Sinn des Wortes

Habe gut geschlafen und geniesse das reichhaltige Frühstück im Garten hinterm zentral gelegenen Swimmingpool. Trotzdem das Meer nicht vor der Haustüre liegt, könnte Mann es hier gut aushalten, zumal das Wifi absolut top ist!
9 Uhr Abfahrt ab Hotel, gen Norden, entlang der Küste, bis zur Aussichtsplattform von Palau. 

Wir haben Glück, können die tolle Aussicht noch ohne weitere Touribusinsassen geniessen.

Weiterfahrt zum Hafenbahnhof. Noch ist weit und breit kein Zug zu sehen. Bald aber hören wir den sonoren Ton der Dieselmotoren und den Lokführer immer und immer wieder tuuten. Und dann erscheint ihr auch schon, ‚unser‘ Trenino Verde, eine grüne Lok mit zwei grünen Wagen (http://www.treninoverde.com/).

10:30 Uhr fahren wir ab. Fahrplanmässigen Verkehr gibt es auf dieser 150 Kilometer langen Strecke von Palau nach Sassari leider schon lange nicht mehr. Der heutige Fahrplan ist also auf Wunsch von SERVRAIL (http://www.servrail.ch/) entstanden, wir haben die ganze Strecke für uns alleine!

Die Strecke (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Sassari–Palau) ist 150 Kilometer lang und führt über zwei 600 m hohe, Nord-Süd Gebirgszüge. Sie ist sehr interessant angelegt, schmiegt sich perfekt in die Landschaft, wo nötig wurden Brücken, mehrheitlich Bogenbrücken erbaut. Auch Tunnel sind etliche zu durchfahren. 6 Stunden Fahrzeit inklusive mehreren Fotostopps, sowie 90 Minuten Mittagspause in Tempio Pausana sind eingeplant.

Nach 1 Stunde sehen wir den Lago di Liscia, einen der grössten grössten Stauseen der Region. Kurze Zeit später gibt es auch schon den ersten freiwillig-unfreiwilligen Halt in Sant’Antonio di Gallura. Unsere Diesellok beziehungsweise deren Kühler ist undicht, d.h. die Lok braucht Wasser. Zeit für Fotos und Freilufttoilette (die Toilette im Zug ist nämlich recht eng).

Schon ein paar Kilometer weiter gibt’s den nächsten, dieses Mal geplanten Fotohalt. So quasi als Nebenprodukt kann auch eine geschälte Korkeiche, die in dieser Region so zahlreich sind, aus der Nähe betrachtet werden.

20 Minuten vor der Mittagspause fahren wir an einer ersten Korkfabrik vorbei. Riesige Mengen Kork lagern bzw trocknen hier. Endlich erreichen wir Tempio Pausania, den höchsten Bahnhof (546 MüM) der ersten zu querenden Gebirgsgruppe. 

Hunger – alles Volk strömt in den Wartsaal wo der Lunchbeutel abgegeben wird. Hübscher Saal und Billettschalter, wo immer noch Autobusbillette verkauft werden. Riesiger Bahnhof mit unzähligen Schienenfahrzeugen in allen Zuständen ihres Lebens. Nach dem Essen+Trinken bleibt genügend Zeit für eine ausgedehnte Besichtigung. Anstatt die Stadt anzuschauen, besichtige ich zusammen mit ein paar anderen Mitreisenden die Werkstätte und das historische Rollmaterial. 

Zur geplanten Abfahrtszeit kommt dem Bahnpersonal die Erkenntnis, dass die jetzige Zuglok nicht reicht um innerhalb nützlicher Zeit den Zielort zu erreichen und dass der Kühler der Lok leckt und sie schon wieder mit Wasser betankt werden muss. Also wird eine weitere Diesellok geholt und vorgespannt und nochmal Wasser getankt. Mit 30 Minuten Verspätung fahren wir ab. Die Reiseleiterinnen sind beide schon in Panik, der Chef aber ist die Ruhe selbst!

11 Kilometer erreichen wir in Bortigiadas eine grösstenteils offene Kreiskehrschleife, Langsamfahrt, kein Fotohalt. Die Strecke geht steil runter, schöne Viadukte, ein paar Tunnel. Dann die Ebene, von den Mohnfeldern rot gesprenkelt.

In Perfugas, dem tiefstgelegenen Unterwegsbahnhof, 45 MüM, 59,012 Kilometer bzw ungefähr 2 Zugsstunden vor dem Endbahnhof, machen wir erneut eine Foto- und Pinkelpause. Erneut geht es steil bergauf. 

Herrliche Ausblicke eröffnen sich uns. Wir sehen auch noch mal mehrere Nuraghen. Vor und nach der zweiten Gebirgsüberquerung stehen viele, recht bodennahe Windturbinen, die meisten stehen auf Gittermasten.


18.15 erreichen wir Sassari und werden sofort, unnachgiebig, panikartig zu den Bussen gedrängelt. Es bleibt keine Zeit um mehr als ein paar Fotos von unseren schönen Zug zu machen. Die weiteren Schönheiten des Bahnhofs (Tramgleis, Tram, 3-Schienengleise, usw) in der Abendsonne zu fotografieren liegt offenbar nicht drin. Dafür müssen wir dann langatmige Verabschiedungsszenen zwischen Reiseleiterin und Reiseleiterin, im Bus wartend über uns ergehen lassen. 

Gegen 19 Uhr erreichen wir den Hafen von Porto Torres. Unser Pech, dass unsere Reiseleiterin das Ticketoffice der Fähre nicht findet. Die Hafenpolizisten machen stunk wegen der nicht aktualisierten Reisendenliste (das in Lanusei zurückgelassene Ehepaar ist immer noch drauf; dem Mann geht es offenbar unterdessen aber besser). Umständliches Prozedere, aber immerhin dürfen wir 35 Minuten vor der geplanten Abfahrtszeit doch noch auf die Fähre und die für uns reservierten Kabinen beziehen.

20.40 sitzen wir im Speisesaal der eben abgefahren Fähre und sehen die Abendsonne ein letztes Mal. Bald schaukelt das Schiff gehörig. Ungefähr eine Stunde nach der Abfahrt bemerke ich, dass das Schiff dreht und gegen die Nordspitze Sardiniens zu fährt. Bald kommt auch schon die Durchsage, dass wir im Windschatten von Korsika, dh auf der Nordostseite Korsikas gen Norden fahren und dadurch Genua mit Verspätung erreichen würden. Knapp vor Mitternacht sehen wir beidseitig der Fähre, je in ungefähr 3-5 Kilometer Abstand Insellichter der engsten Stelle. Kurz darauf lasse ich mich sanft in den Schlaf schaukeln.

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