27.06.2016, auf, auf – zu neuen Ufern

Früher habe ich immer gelacht, wenn ich vom Pensioniertenstress hörte – heute stresse ich mich selber. Ich habe vor ein paar Jahren, rechtzeitig einen kleineren Gang eingelegt, mein Tempo verlangsamt und merke nun, dass ich so allzuwenig Zeit habe um alle geplanten, ungeplanten und angesagten Tagesaktivitäten so zu erledigen, dass ich mit mir zufrieden bin und meine Umwelt nicht leidet!Henusode, bin jedenfalls mal wieder früh aus den Federn bzw aus dem Wasserbett entstiegen. Es ist neblig trüb, 13 Grad (viel zu) kalt. Ich wage es trotzdem, ziehe kurze Hosen an, nehme aber im letzten Moment ein leichtes Jäcklein über die Schultern.

Zusammen mit Stufi, dem lieben ehemaligen Böniger und heutigen Bümplizer Pinkrailfreund, den ich in Spiez treffe, reisen wir in die 2.grösste Stadt der Lombardei, Brescia (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Brescia), wo wir kurzfristig noch ein Hotelzimmer reservieren konnten, um am Touristenort nicht 500 oder mehr Euro für ein Zimmerchen bezahlen zu müssen. 

Unser eigentliches Ziel ist aber Sulzano und der Iseosee, der viertgrösste oberitalienische See (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Iseosee) mit der grössten Binneninsel im südlichen Europa.Eigentlich dachte ich zuerst an einen Tagesausflug (erster – letzter Zug). Angesicht des Gehörten und Gelesenen (http://www.zeit.de/kultur/kunst/2016-06/the-floating-piers-christo-installation-iseo-see) haben wir uns für eine 2-Tages Reise entschieden. Wir wollen Zeit haben, den chaotischen Zuständen an diesem Sommeridyll ausweichen.

Mailand Umsteigen. Dank der tollen Fahrplanplanung sehen wir den schnellen Zug nach Brescia bei unserer Einfahrt ausfahren und müssen 58 Minuten (von den italienischen Staatsbahnen so geplant und von den SBB so aufgezwungen) auf den nächsten Zug warten. Zeit, um im Bahnhof rum zu wandern und Züge zu fotografieren. Es ist allerdings schon sommerlich heiss.

Kurz vor der Abfahrtszeit um 11.35 sitzen wir in tiefen Businessclass-Ledersesseln eines Frecciarossa mit Ziel Venezia. Dieser Rote Pfeil benötigt für die noch zu fahrende Strecke bis Brescia genausolange wie ein Schnellzug und nur ein paar Minuten weniger lang als ein Bummler. 26 Minuten für 82 Kilometer, 38 Euro Globalpreis, 3x so teuer wie ein IC. Pfui SBB, dass eine IC- oder Bummlerbuchung nicht möglich ist!

 12.21 in Brescia, rasch ins 3 Minuten entfernte Hotel Cristallo und 12.50 wieder zurück zum Bahnhof. Überall stehen Abschrankungen für den Ansturm am Wochenende. Wir haben Glück, nur ca 200 Leute warten. Nach kurzer Zeit beginnt Wagenweise das komplizierte Einsteigeprozedere. In der Eile vergessen wir die gekauften Tageskarte abzustempeln. Es gibt aber kein Zurück. 

13.21 stehen wir im Vorraum eines total überfüllten, 3-Wagen-Dieselzugs. Zur Aussenhitze von mehr als 30 Grad kommt bald noch die Hitze, der dem Kollaps nahe stehenden Dieselmotoren, ich bin im Nu pflotschnass. 

Wir sind aber froh um die Mitfahrgelegenheit. Wer weiss wie es später ausgeschaut hätte. Nach knapp 5 Minuten geht die Reise los. Der Zugführer, der ebenso wie 10 weitere Reisende, Körper an Körper, im Vorraum stehenden Leute (in den Gängen im Wageninnern stehen unzählige weitere, bzw sitzen einander auf dem Schoss), hat Erbarmen mit sich und den Reisenden und öffnet abgeschlossene Fenster. 
Ohne Halt fahren wir durch bis Iseo, das wir um 13.45 erreichen. Nebenan wartet im Bahnhof ein bereits früher abgefahrener Zug um nach dem nur noch 8 Kilometer entfernten Sulzano zu rollen. Die eingleisige Strecke ist nach Angaben des Zugführers wegen Überfüllung geschlossen. Wir dürfen aussteigen und uns auf dem Bahnhofsgelände die Füße vertreten. 


Wir fotografieren Museumszüge, beobachten das schwerfällige, stümperhaft schlecht organisierte Betriebswesen (RFI?). Bald kommt uns ein Zug aus einem GTW 2/6 und 4/12 entgegen. Der Zug nebenan fährt. Das Gleis wird aber unmittelbar vom nächstfolgenden Zug aus Brescia in Beschlag genommen. Ein weiterer Zug kommt uns entgegen. Um 14.25 werden wir endlich zum einsteigen aufgefordert und die Fahrt geht (40 Minuten nach der Ankunft) weiter. Ein paar Minuten später sind wir endlich am Iseosee. Das einzige Perron am Bahnhof Sulzano ist voll von Leuten und hinter dem Bahnhof warten 100e, wenn nicht 1000e auf eine Beförderung zurück mit der Bahn. Die Gesellschafft, die für diesen Event so leichtfüssig in ihrer Werbung macht, verspricht: leicht zugänglich, schnell und komfortabel (http://www.trenord.it/it/free-time/the-floating-piers/the-floating-piers-biglietti-speciali.aspx).

Wir haben unterdessen einen riesigen Hunger! 

Günstige Selfsserviceverpflegung und Sonnencreme einschmieren in einem Festzelt in der Nähe des Bahnhofs, bevor wir über orange Stoffbahnen runter zum See wandeln und um 15.45 endlich die „Floating Piers“ betreten, um übers Wasser zu wandeln. 


Bei einem Tagesausflug wäre dies nicht möglich gewesen, hätten wir für die Heimfahrt (letzter Zug ab Brescia um 18.09) schon längst anstehen wieder müssen! 

Nicht wenige Ausflügler werden heute abend an ihrem Sonnenbrand leiden. Der Sonnenschein und das Gleissen des Sees sind extrem kräftig!

Wir geniessen den Spaziergang, halten hin und wieder an, fotografieren, staunen, relaxen. Sehr viel Aufsichts- und Wachpersonal, Polzisten, teils mit Hunden, Sanitäter, Notärzte ( alle paar Minuten hören wir irgendwo ein Ambulanzauto), Armee. Beidseits der Floating Piers patrouillieren Carabinieri, Polizei und Alpini (Gebirgssoldaten) in Gummibooten.
Insbesondere an den Übergängen zwischen Floating Piers und Ufer herrscht jedes Mal ein Gedränge. Es wird einem angeraten, um des schöneren Gefühls Willen mit nackten Füssen zu wandern.


Nach ungefähr 500 m auf dem Wasser erreichen wir den Fischerort Peschiera Maraglia. Das Gewusel ist aber so gross, dass wir ohne Pause weiter gehen, auf den orangen Bahnen bis zum kleinen Weiler Sensole wandeln. Nach dem Kauf von Wasser (ich bin immer immer mehr erstaunt wie günstig all das Zeugs hier verkauft wird, 50 Cents – 1 Euro für 0,5 Liter Mineralwasser) wandern wir weiter zur Privatinsel des Waffenproduzenten Berretta, der Isola di San Paolo. 

Die Floating Piers umrunden die gesamte „Mörder“-Insel, die von hohen Mauern umgeben ist und nicht betreten werden kann. Bald ist’s 19 Uhr, wir sind unterdessen schon seit 3 Stunden auf den Floating Piers. Ich brauche eine längere Entspannungspause, setze mich hin und lasse Stufi diesen Rundgang alleine lustwandeln. 


Die Müdigkeit übermannt mich, ich schlafe ein, werde aber relativ rasch von Rettungskräften geweckt. Sitzen ist erlaubt, nicht aber das Liegen auf den mindestens total 16 Meter breiten Wanderwegen. Die Schwimmkörper sind ca 30 Zentimeter grosse Polyurethankörper, die unverrückbar fest aneinander befestigt sind und dieses wohlige Gefühl verursachen.
Henusode, ich laufe langsam zurück nach Sulzano, Stufi wird mich schon einholen oder im Gemenge auch überholen.

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