28.03.2016: von der Nordostküste an einen Nordweststrand

Habe nicht schlecht geschlafen, trotz des andauernden Strassenlärms. Aufstehen gegen halb 8. Entgegen der Wetterprognose ist es neblig und nur knapp über 0 Grad warm. Also beschliesse ich weiterzureisen.Doch zuerst gilt es zu frühstücken. Der Chef des B&B, Albert Whyte, ein altehrwürdiger, leicht verschrobener, unverheirateter Einzelgänger (hätte mir gestern bereits bei Ankunft am Liebsten sein Haus mit allem drum und dran verkauft) hat mir einen fixen Slot für das Frühstück vergeben (maximal alle Viertelstunden ein Zimmer). So stehe ich nun um 8 Uhr im Diningroom, der Hausherr heisst mich auf einem bestimmten Stuhl Platz zu nehmen und Kellogg’s zu essen. Ich verneine dankend, Kellogg’s ässe ich hinterher, falls ich noch Hunger hätte. Der Meister ist gar nicht zufrieden mit mir. Jahrhundertelang hätten die Engländer zuerst Porridge und dann das obligate gebratene Frühstück aus Wurst, Speck, Schinken, Ei und Tomate gegessen, warum ich das denn nicht so machen wolle. Uff, uff, der Typ geht mir langsam auf den Sack! Stünde Porridge auf dem Tisch, so würde ich Porridge essen, entgegne ich unsanft. Worauf er ein tiefes, langgezogenes ‚oukey‘ von sich gibt und in der Küche verschwindet. Alsbald erhalte ich 6 Dreiecke dunkles Toast und den gewünschten Tee (Apfel-Birne).  

 Kurz darauf folgt auch, das auf der nicht sichtbaren Seite schon leicht angekohlte, lauwarme Frühstück. Leider ist das Brot/Toast wie fast in ganz Grossbrittanien immer noch rationiert, Butter und Marmelade abgezählt, also mache ich mich bald einmal vom Hocker, packe meinen Rucksack und gehe gemütlich zum Bahnhof.

Platzreservation ist bei Virgin nur bis am Vortag möglich, entgegen zu Scotrail und anderen Bahnbeförderern, bei denen es auch noch 3 Stunden vor Zugsabfahrt möglich war. Also will ich mich erkundigen, wo 1. und 2. Klasse sind, wo am ehesten freie Sitzplätze zu finden sind, da ich absolut keine Lust verspüre mit dem Rucksack durch den halben Zug zu laufen. 

Als ich die Informationsbeamten auf der Platform bei ihrem morgendlichen Schwatz störe, wird mir barsch geantwortet, ich solle nichts so albernes Zeugs fragen, der 9.51 Zug bestehe nur aus 4 Wagen. Wrum ich denn keine Platzkarte gekauft habe?Ich habe mich erst heute Morgen entschieden mit diesem Zug zu reisen. Schon wieder werde ich mit silly (albern, dumm) tituliert. Niemand reise so kurzentschlossen! Nun schaut die Dame kurz in ihren Computer und meint dann hämisch: Pech, der Zug ist restlos ausgebucht, es gibt keinen freien Sitzplatz. Also antworte ich, ich würde mir schon einen Sitzplatz suchen und sei es auch nur bis zum nächsten Bahnhof. Hierauf springt der macho Abfertigungsbeamte mit seiner Kelle in der Hand vom Stuhl auf und meint, er werde dies zu verhindern wissen, Virgin sei schliesslich eine Qualitätsunternehmung und wünsche keine ’silly tourists‘. Ich lasse die Virginaner stehen und gehe vom Perron zurück. Als der Zug eingefahren ist, bin ich schneller drin als die beiden Bahnbediensteten schauen und reagieren können. In diesem angeblich ausgebuchten Zug sind momentan nicht einmal ein Viertel alle Sitzplätze belegt!  

 Langsam klart es auf, die Sonne blendet, die Dieselmotoren brummen angenehm, ich schlafe bald ein, aber an den wichtigen Stellen immer wieder auf.  


Newcastle-upon-Tyne. Alt und neu, viele farbige Brücken. 

Darlington: erste öffentliche Eisenbahn in Europa (https://de.wikipedia.org/wiki/Stockton_and_Darlington_Railway), hier wurde unsere Spurweite von 1435 Millimeter erfunden. 

York, 10.45: 4 Virgin-Mitarbeitende in Uniform haben in einem 4-er Coupé Platz genommen, obwohl die Plätze durch ’normale‘ Reisende reserviert worden sind. Die 4 weigern sich standhaft ihre Plätze freizugeben, sie seien müde von der Arbeit. Auch der Zugchef ist machtlos und kann nicht Ruhe und Ordnung schaffen.  

Leeds: Umsteigen in einer mit Signalbrücken vollgestopften Bahnhofshalle.  



Manchester Picadilly: umsteigen, alle anderen grossen Bahnhöfen hier am Ort sind wegen Intensivbauarbeiten über die ganze Osterwoche gesperrt. Auf den 12 Stumpengleisen warten bis zu 3 verschiedene Züge, auf den 2 Durchfahrtsgleisen fahren die Züge teils im 4 Minutenabstand. Ob alle Reisenden in die richtigen Züge einsteigen? Muss mich sputen um in den halb quer liegenden Durchgangsbahnhof zu kommen. Erwische ein Vierecoupé ganz an der Spitze des 3-Wagenzuges für mich. Es regnet mal wieder.  


Nun nähern wir uns langsam den Bahnhöfen mit den langen Namen. Am längsten Bahnhofnamen, llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch, allgemein abgekürzt als Llanfair P.G. (https://de.wikipedia.org/wiki/Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch) werde ich heute aber nicht vorbeifahren. Dieser Bahnhof ist ca 30 Kilometer weiter westlich meines Tagesziels, kurz vor Holyhead, dem Fährhafen nach Irland. 



Teils verläuft jetzt die Eisenbahn ganz an der Küste und kriegt trotz der still aussehenden See, hin und wieder ein paar Spritzer ab. 

15.55, 6 Minuten vorzeitig, fahren wir in Llandudno ein. 300 Meter entfernt liegt das von mir aus Nostalgie gebuchte  

Hotel Broadway, ein Familiengeführter Betrieb. Kurzum nach Zimmerbezug bin ich wieder draussen. Fussmarsch quer durch die Stadt. Ungeheuer viel Betrieb, alle Beizen restlos belegt, jeder Souvenirshop belagert von Familien in Osterferien oder von Senioren im Altersfitnessurlaub. 


Kurz vor 17 Uhr erreiche ich die Talstation der Tramway (http://www.greatormetramway.co.uk), ein Cablecarsystem analog San Francisco. Zu spät für einen Ausflug auf den 207 Meter überm Meer gelegenen Gipfel des Great Orme. Ich fotografiere nur noch, da ich nicht weiss wie das Wetter morgen sein wird. Es sind mal wieder endlose, schwere Regenfälle, mit Gefahr von Überschwemmungen angesagt.

Die Masten der offenen Gondelbahn, der längsten Gondelbahn im Vereinigten Königreich, die vom Norden her ebenfalls auf den Great Orme fährt, habe ich schon aus dem Zug gesehen. Eine offene Gondelbahn ist mir aber in jedem Fall zu kühl. 

Spaziergang zum Strand runter und bis ans Ende der langen Seebrücke.  



Langsam laufe ich wieder zurück. Ich habe kürzlich eine Studie gelesen, wonach bewusst langsames Laufen, weniger als 2 Kilometer je Stunde, bedeutend mehr Kalorien verbrennen würde, als ein zügiger Fussmarsch.  

Benötige über eine Stunde um wieder in die Innenstadt zu kommen.  



Da die meisten Beizen immer noch gut besucht sind, beschliesse ich, meinen Hunger im Hotel zu stillen. 19.95 £ für ein 3-Gang-Menü nach freier Wahl: Karotten-Ingwersuppe, Lammhaxe auf Kartoffelstock mit einer Schüssel kross gekochtem Gemüse,  

 warmes Toffifee-Schoggicake mit Vanilleeis. Dazu trinke ich neben Unmengen von frischem Wasser ein Flasche Llandudno Schwarzbier.

Jetzt fühle ich mich wohlig, gut genährt und müde von den langen Spaziergängen. Müsste nun noch Tagebuch schreiben. Nein, dies kann bzw muss bis morgen warten!

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